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Eine Pistole wurde besorgt

DIE ZEIT, 2026

Immer war sie dort, wo man sich vorne wähnte. Jetzt hat die RAF-Mitgründerin Astrid Proll ihre Autobiografie geschrieben. War sie selbst überhaupt dabei in ihrem unglaublichen Leben?

Das Grundlegende zuerst: RAF oder Raf? Sie sagt Raf, in einem durch, »geht schneller, das flutscht«. Unter sich hätten sie sich aber nie so genannt. »Das waren einfach wir. Die Leute rundum haben von der Gruppe gesprochen«, sagt Astrid Proll. Sie muss es wissen. Damit zur mindestens zweitwichtigsten Frage: Stimmt es, was der Schriftsteller Christian Kracht über die Arbeit in den Neunzigern bei der Pop-Zeitschrift Tempo erzählt hat, dass nämlich deren Bildredakteurin Astrid Proll ihn öfter mal geohrfeigt habe? »Ich glaube nicht, dass bei Tempo Ohrfeigen verteilt wurden«, sagt Proll. Unverantwortlich sei es von der Redaktion jedenfalls gewesen, den jungen Kracht für eine Reportage ins Bürgerkriegsland Somalia zu schicken. Zum Glück sei er im Hotelzimmer geblieben, mehr sage sie lieber nicht, Stichwort Relotius, erfundene Geschichten und so weiter. Nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag kommt es mir so vor, als sei Astrid Proll jederzeit ablenkungsbereit.

Bevor sie sich aushorchen lasse, über sich und ihre Autobiografie »Zwischen Sturm und Stille«, so hatte sie vor unserer kleinen Zeitreise zu den RAF-Ursprüngen am Telefon gesagt, habe sie selbst Fragen. Ob ich vorhabe, zu beschreiben, wie sie dann in Sandalen angeradelt komme, oder ob ich auch nach ihrer »bösen Vergangenheit« fragen wolle. Gern beides. Ich ahne: Unser Treffen wird kein Kaffeeplausch, sondern ein Ringen um ihre Geschichte. Na ja, kein Wunder – über sie ist viel geschrieben worden, bislang wenig von ihr.

Sie wartet dann schon an der Badenschen Straße in Schöneberg, gegenüber der Nummer 6. Ohne Fahrrad, in Regenmantel, grünem Ralph-Lauren-Polo und Joggingschuhen, einen Turnbeutel auf dem Rücken und mit dieser anduzenden Krawalligkeit, die als Berliner Kulturerbe gilt. »Ich hab erst gedacht, du bist Jens Spahn«, sagt sie zur Begrüßung, was aus ihrem Mund nach einem zweifelhaften Kompliment klingt. Denkt man jedoch an die Verachtung bürgerlicher Umgangsformen in der RAF, deren Mitglieder sich als »Fotze« ansprachen, wirkt es beinah liebevoll und spätestens als sie meinen Ellbogen nimmt, um meinen Blick auf die andere Straßenseite auszurichten, wie ein eckiger Annäherungsversuch.

Also, die Badensche 6, das graue Haus dort drüben: Darin war ihr erstes Zimmer in Berlin, hinten raus, im Frühherbst 1968 müsse sie eingezogen sein, mit 21. Einerseits kam sie her, um eine Ausbildung zur Fotografin zu machen, vor allem aber, weil es West-Berlin war und 1968. Man kiffte, demonstrierte gegen die USA und ihren Vietnamkrieg, die Aktivistin Beate Klarsfeld ohrfeigte den CDU-Bundeskanzler und ehemaligen NS-Funktionär Kurt Georg Kiesinger. In den Berliner WG-Küchen habe sie zum ersten Mal das Gefühl bekommen, nicht sie sei das Problem, heißt es in Prolls Buch, es seien die Verhältnisse.

Es gibt ein Foto von ihr aus dieser Zeit, darauf hat sie kurze Haare und den trotzigen Blick eines Misfits. Als hinge sie irgendwie quer in der Welt, von Anfang an. Ihr älterer Bruder Thorwald, das Kriegskind, und ihre Mutter waren eine Einheit, zusammengeschweißt in gemeinsam durchlittenen Bombennächten. Vielleicht hätte sie, geboren 1947, das Papakind sein können, wäre der Vater denn da gewesen und nicht auf Baustellen, wo der Architekt am Wiederaufbau arbeitete. Als die Mutter den Familienbungalow in Kassel verließ und in die USA zog, kam Astrid Proll aufs Internat, dann aufs nächste Internat, von dem sie mit 16 flog, weil sie mit einer älteren Mitschülerin im Bett erwischt worden war.

Das eingemauerte Berlin bot da eine freiere Gegenkultur. Das Zimmer in Schöneberg habe ihr wohl Thorwald beschafft, mutmaßt Astrid Proll; der lebte bereits in Berlin und war mit einem Andreas Baader bekannt, dem Ex der Vermieterin und Vater von deren Kind. Baader und Thorwald Proll hatten zusammen mit Gudrun Ensslin und Horst Söhnlein im April 1968 in zwei Frankfurter Kaufhäusern Feuer gelegt – ein politischer Akt, in ihrem Verständnis, gegen den Kapitalismus und amerikanische Napalmbomben – und warteten auf ihren Prozess. Auch Astrid Proll hatte zuvor bei einem früheren Besuch in Berlin nach einer antiimperialistischen Demo einen Brandsatz im damaligen Amerika-Haus deponiert, heute die Fotogalerie c/o am Bahnhof Zoo. Eine Mutprobe. Er ging nicht hoch; zum Glück, sagt Proll, es sei auch eher »eine Wunderkerze« gewesen.

Hat sie sich mal gefragt, was gewesen wäre, wenn? Wenn das, was anderen Darstellungen nach doch etwas größer als eine Wunderkerze war, explodiert wäre? Für Astrid Proll klingen solche Fragen verdächtig nach einer Aufforderung zur Buße. »Ich habe mich der Ideologie des Abschwörens immer verweigert«, sagt sie. »Nur weil die Massen Reue und Rache wollen, heißt das nicht, dass ich die Richtige dafür bin.« Es widerstrebe ihr, sich »für irgendetwas zu entschuldigen«, erst recht unter öffentlichem Erwartungsdruck. Ihren Widerstand gegen rituelle Distanzierungen begründet sie auch mit den Selbstkritikrunden der RAF, in denen jeder Teilnehmer der Gruppe seine Fehler gestehen musste, also jeder außer Baader und Ensslin. Schon damals erinnerte sie das an Schauprozesse. Was sie getan habe, müsse sie vor sich selbst verantworten, sonst vor niemandem.

Während andere Ex-RAF-Mitglieder wie Peter-Jürgen Boock im öffentlich-rechtlichen Stuhlkreis von ihren Albträumen erzählen, beharrt sie darauf, dass es auch eine unschuldige Zeit der RAF gegeben habe; sie seien »Konzeptkünstler« gewesen, sagte sie einmal. Die Grenzen zwischen Wohnprojekten wie der Kommune 1 um Rainer Langhans und deren Dada-Aktionen und einer Straßenguerilla wie dem »Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen« seien fließend gewesen, heißt es im Buch.

Was war für sie noch »Konzeptkunst«, wo fing der Terror an? »Die Leute haben sich an die Straffälligkeit herangeführt. Das war so eine Zündelstimmung«, sagt Proll. Sie seien ja auch wahnsinnig jung gewesen. Erst am Vorabend sei sie für eine Werkschau an der Universität der Künste gewesen, im Hinterkopf habe sie dabei schon unser Treffen gehabt und sich gedacht: Hier kannst du dir die RAF zusammenstellen. Ein Student habe ausgesehen wie Andreas Baader, das habe sie ihm auch gesagt – »ich rede ja casual« – und ihn aufstehen lassen, um zu sehen, ob er auch die Baader-Statur habe. 23 sei der Student gewesen, älter als sie bei der RAF-Gründung. Das solle man jetzt aber nicht als Rechtfertigung missverstehen, poltert sie gleich hinterher. Leicht macht sie es auch sich nicht.

Dass ihr Co-Autor, der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch, so seine Mühe mit seiner Gesprächspartnerin gehabt haben dürfte, liest man an einigen skurrilen Stellen der Autobiografie heraus. Da geht es etwa um die Vorbereitungen zur Befreiung Baaders, der wegen der Brandstiftungen einsaß: »Eine Pistole wurde in Hottes Wolfsschanze« – einer Nazi-Kneipe – »besorgt.« Dass es nach allem, was bekannt ist, Proll war, die eine der Waffen besorgte, welche der Baader-Befreiungstrupp mitführte, verrät einem Wikipedia, aber nicht Prolls Buch.

Der Text bleibt oft in einem sonderbaren Passiv ohne handelndes Subjekt oder lässt andere für die Autobiografin sprechen. Stefan Austs notorischer »Baader-Meinhof-Komplex« von 1985 muss herhalten, um die Flucht im Alfa Giulia zu schildern, den Proll gestohlen und gefahren haben soll; »statt des Gefühls von Abenteuer, so schildert es Stefan Aust, als habe er ebenfalls mit im Auto gesessen, spürte die Fahrerin, wie ihr warm Erbrochenes den Rücken runterlief. Die Aufregung hatte dazu geführt, dass sich Irene Goergens, die hinter ihr saß, übergeben musste.« Anders als Aust saß Astrid Proll wohl in diesem Auto, an jenem 14. Mai 1970, im Gründungsmoment der RAF. Warum lässt sie ihn von sich erzählen, wenn sie schon eine Autobiografie verfasst? Warum das Versteckspiel bis heute? »No comment.« Warum no comment? »No comment.« So können Dialoge mit Astrid Proll verlaufen, bis sie im nächsten Moment an einem Vorgarten stehen bleibt und die schönen Blumen lobt.

Zu manchem will sie nichts sagen; an anderes erinnere sie sich nicht. Die kuriose Haltung, fürs eigene Leben nicht zuständig zu sein, zeigt sich im Gespräch wie im Buch. Schade, denn »Zwischen Sturm und Stille« erzählt, nicht ohne Selbstironie, eine unglaubliche Biografie: die Befreiung einer lesbischen Frau aus der Nachkriegsenge, die sie mit Zwischenstopp im paramilitärischen Trainingscamp der Fatah bis ins queere London der frühen Zweitausender führt; zugleich eine BRD-Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch obwohl Proll eine einzigartige Zeitzeugin ist – wer sonst war Mitglied bei RAF und Tempo? –, liest sich die Erzählung wie eine lückenhafte Rekonstruktion von Astrid Prolls Leben mithilfe der Texte anderer. Sie selbst wirkt an ihrer eigenen Geschichte, der erlebten wie der erzählten, nur mäßig beteiligt.

Am Ellbogen lasse ich mich in die Bozener Straße führen; an den Altbaufassaden hängen die Schilder von Anwälten und Heilpraktikerinnen. Dort hinten – Proll deutet die Straße hinunter – wohnte Eva, so der Spitzname von Ingrid Schubert, die nach ihrem Medizinstudium auch an Baaders Flucht mitwirkte und sich 1977 kurz nach ihm in Haft umbrachte. 50 Jahre ist die Todesnacht von Stammheim nächstes Jahr her – sie sei von ihrem Verlag an dieses Datum erinnert worden, sagt Proll, als könne sie es selbst nicht glauben. Hier drüben, in einem der Bürgerhäuser, habe Ulrike Meinhof gewohnt, als sie noch die gefeierte linke Journalistin war mit Kindermädchen. Alle lebten sie in Hörweite der US-amerikanischen Freiheitsglocke, die bis heute jeden Mittag im Rathaus Schöneberg erklingt.

Aus ihrem Turnbeutel fischt Astrid Proll nun eine Gefriertüte und daraus ihr Handy. Sie ruft ihren Nachbarn an, der am Berufsausbildungszentrum Lette lehrt, an dem Proll einst Fotografie lernte. Er soll uns die Schule aufschließen. Die Ausbildung damals hat Proll abgebrochen, aber Fotografin wurde sie trotzdem; Aufnahmen von ihr zeigen Baader, Ensslin und sie selbst albern und jugendlich, ein Aufblitzen jener Zeit, bevor Fahndungsplakate vor ihnen warnten. Zu Fahndungsfotos hat Proll ein besonderes Verhältnis: Sie haben sie zweimal auffliegen lassen, zuerst 1971 in Hamburg, wo die Gruppe nach Baaders Ausbruch und ihrem Ausbildungstrip nach Jordanien untergetaucht war, dann 1978 in London, wohin Proll allein geflohen war, aus der richterlich genehmigten Kur von ihrer Isolationshaft. In London arbeitete sie jahrelang unentdeckt als Automechanikerin, ließ sich von der Frauen- und Gay-Bewegung erfassen, hatte Freundinnen und wurde einmal auf einem Konzert unverhofft daran erinnert, dass sie ja noch eine gesuchte Terroristin war: Da kam der Clash-Sänger Joe Strummer im RAF-Logo-Shirt auf die Bühne.

Am herrschaftlichen Viktoria-Luise-Platz wartet Prolls Nachbar, um uns ins Lette-Gebäude zu lassen. Auf den ferienstillen Fluren erkennt sie nichts wieder, nur den leicht chemischen Geruch, von der Foto-Entwicklung. Dieser sollte ihr später wiederbegegnen: Nach ihrer Auslieferung an die Bundesrepublik kam sie 1979 auf Bewährung frei und fand schließlich eine Stelle als Fotoredakteurin, ausgerechnet beim Lifestyle-Heft Tempo, wo die breitbeinigen Pop-Schnösel die 68er als peinliche Sandalenträger betrachteten, von denen sie sich losschrieben. Einmal wollte die Redaktion im Selbstversuch klären, ob Isolationshaft wirklich Folter sei. Drei Tage lang wurde der Relotius-Vorgänger Tom Kummer im Keller der Verlagsvilla eingesperrt. Auf den Gedanken, dass über ihm im Büro eine Frau arbeitete, die 119 Tage in tatsächlicher Isolationshaft gesessen hatte, kam keiner. »Ich war völlig uninteressant für die jungen Spritzer«, sagt Proll wieder so einen Proll-Satz. Später kehrte sie nach London zurück und arbeitete für die Zeitung Independent, ein Skandälchen für die Konkurrenz, die titelte: »›Miss Terror‹ joins the Indie«.

Zum Abschluss der Tour bestellt Astrid Proll in einer französischen Konditorei zwei kleine belegte Brötchen und eine heiße Schokolade. Was denkt sie eigentlich über Daniela Klettes Verhaftung 2024, nach über 30 Jahren im Untergrund? Das habe nichts mit ihr zu tun, sagt sie: »Ich bin dem entwachsen.« Kontakt habe sie zu niemandem mehr aus ihrer RAF-Zeit, auch nicht zu ihrem Bruder, dem sie nicht Kleine-Schwester-haft genug gewesen sei. Nur noch die Toten begegnen ihr. In ihrer Wohnung hänge ein Bild von Ulrike Meinhof, weil eben auch das ihr Leben gewesen sei. Der Anwalt Horst Mahler, mit dem Proll in Jordanien war und der zum Holocaustleugner wurde, ist auf demselben Friedhof begraben wie ihre Mutter.

Gern würde ich ihr noch den Song »RAF Rentner« der Band Antilopen Gang vorspielen, in dem die Antifa-Punk-Rapper um Danger Dan sich einen Kanzler Baader vorstellen, der zuvor durch die Institutionen marschiert ist. Und ihre Meinung zum heutigen Linksradikalismus hören. Aber es interessiert sie nicht. »Wie? Danger Dan? RAF-Rentner? Arschlöcher. Ja, Entschuldigung – aber wenn ich das schon höre. Leute werden halt alt.« Sie will jetzt einfach nur in Ruhe ihre heiße Schokolade trinken.