Reportagen Porträts Kolumnen Interviews Features Essays Rezensionen Tel. +49 (0) 157 – 380 83 789

Michael, er und ich

FAS, 2021

Mein Vater hieß Michael Schumacher, er identifizierte sich mit seinem Namensvetter so sehr, dass sie für mich als Kind wirklich ein bisschen zu einer Person wurden. Bei der Netflix-Doku über den Rennfahrer wiederholte sich das jetzt.

Ich lag auf dem Sofa, schaute bei Netflix die Doku „Schumacher“ und googelte Bilder zur Rennkarriere, und auf einmal war da seine Autogrammkarte. Sie überraschte mich, diese Edding-Unterschrift – das markante M. und das geschwungene, raumnehmende Sch –, aber es überraschte mich bloß kurz. Vorn links aus der Schublade im Schreibtisch, wo sie immer liegt, nahm ich die weich gewordene Visitenkarte heraus – Michael Schumacher, Rechtsanwalt –, drehte das Kärtchen um und hielt es neben das Handy.

Mit Kugelschreiber hatte auf der Rückseite mein Vater für mich unterschrieben, vor sicher zwanzig Jahren, damit ich seine Unterschrift nachmachen konnte und den Schwung raus- und reinbekam, denn wir wollten beide auf keinen Fall, dass ich die dünne, viel zu lange, total unglamouröse Doppelnamenunterschrift meiner Mutter kriegte. Aber es war ja nicht mal seine Unterschrift. Er hatte auch kopiert, wie ich, ein Fan bei seinem Star.

Verstanden habe ich das nie und auch nach dem Nostalgie-Trip dieser neuen Netflix-Dokumentation nicht ganz: den weltweiten Ruhm und Riesenerfolg von Michael Schumacher. Die Ferrari-Bettwäschen und Ferrari-Kappen und Ferrari-Fahnen mit dem glatt rasierten Schumacher und seinem ewigen Jungsgrinsen darauf, den Hype um diesen schmalen 1,74-Meter-Rheinländer im Rennanzug, der immer ein wenig nach Karneval klang und ein kleines bisschen schneller als alle anderen Auto fuhr.

Schumachers glattem Legendenbild fügt die Doku absolut nichts Neues hinzu – ein kompromissloser Perfektionist auf der Strecke, ein liebevoller, fast schüchterner Familienvater zu Hause –, und trotzdem, auch trotz des Aussparens der großen, dunklen Gesundheitsfrage, steht der Film seit Tagen in den Netflix-Charts weit oben in den Top 10. Alte Freunde erinnern sich darin an Schumachers Siege, als wären es ihre. Seine blonde Frau und seine blonden Kinder erzählen von ihrem Ehemann und Superstarvater, etwas roboterhaft, aber immer sympathisch. Eine deutsche Sportlegende, mit tragischer Wende.

Und doch saß ja auch ich wieder davor wie damals als Kind vor seinen Rennen, irgendwie fasziniert, und dachte bei den großen Schumacher-Momenten an meine kleinen Schumacher-Momente. Fast mit jedem Urlaub kommt ein neuer dazu, und bei diesem Allerdeutschennamen dürfte es vielen so gehen. „Like the driver?“, fragte dann auch wieder diesen Sommer der große bosnische Polizist, der mich herausgewinkt hatte, denn ein paar Hundert Meter zuvor hatte mich sein Kollege am Straßenrand mit einem Handblitzgerät erwischt.

„Schumacher – like the driver“

„Wie der Rennfahrer?“, fragte der Polizist also jetzt, als er an der Fahrertür stand und meinen Führerschein inspizierte.

„Yes, like the driver“, sagte ich und lächelte extrafreundlich.

„Mister Schumacher“, sagte er und drehte das Kärtchen meines Führerscheins in der Hand: „No racing here.“ In seinen Augen war ein Funkeln, und da wusste ich, er würde mich fahren lassen.

Wie viele Neunzigerjahrekinder bin ich mit Michael Schumacher aufgewachsen, aber in meinem Fall waren es eben zwei Michael Schumachers. Beide waren immer in Sichtweite, aber der eine war selten und der andere nie in der Nähe, so, wie sich das für Stars gehört. Mein Vater lebte nicht bei uns, nicht bei meiner Mutter, meiner Schwester und mir, er war kein Teil unserer Dreierfamilie. Nach der Trennung meiner Eltern ein paar Jahre nach meiner Geburt war er, der ewige Mamasohn, wieder im Haus seiner Mutter eingezogen, meistens wohnte er aber sowieso im Büro.

Am Wochenende holte er mich mit seinem schwarzen Leasing-Mercedes ab und fuhr uns im Rentnertempo zu einem Restaurant, nach dem Essen nahmen wir Kuchen mit für meine Oma, und nachmittags lagen wir dann in ihrem Wohnzimmer auf dem Teppichboden vorm Fernseher und schauten Filme an oder die Formel-1-Rennen. An solchen Sonntagen machte ich was mit Papa, was hieß, dass wir nicht viel machten. Sogar seine Lieblingsfilme waren frei von Action. Mein Vater schaute bloß Filme, die er schon kannte, „Sissi“ mit seiner Romy Schneider und „Das Wunder von Bern“, Kitschfilme, die immer in der Vergangenheit spielten. Heute denke ich, dass ihn das gleiche Prinzip, die gleiche beruhigende Verlässlichkeit, vor den Fernseher zog, wenn Formel 1 lief, nicht das Hochdröhnen der Motoren oder knappe Überholmanöver. Denn es war um das Jahr 2000 völlig klar, wer am Ende jedes Mal als Sieger ins Ziel kam. Wenigstens im Fernsehen gewannen die Richtigen. Also er.

Als Kind aber verstand ich nicht, was ihn mit dem Machomotorsport verband außer der lächerlichen Namensgleichheit mit dem, damals noch, erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten. Von Technik hatte er so wenig Ahnung wie von Autos im Speziellen und überhaupt keine von irgendeinem Sport, und ausnahmslos alle Männer hasste er und/oder beneidete sie. Mein Vater war ein sehr kleiner, dicker, unsicherer, übervorsichtiger Mann, der mit Stolz behauptete, noch nie geblitzt worden zu sein.

Trotzdem kriegte er vorm Fernseher verdächtig schimmernde Augen, wenn Schumi im Ferrari mal wieder mit 300 Stundenkilometern zum Weltmeistertitel bretterte, als gäbe es seinem Leben Bedeutung, dass er einen unschlagbaren Siegertypen als Namensvetter hatte. Er identifizierte sich dermaßen mit dem großen Schumacher, dass er sogar in dessen Namen Ferrari-Autogrammkarten unterschrieb – angeblich klingelten immer mal wieder Michael-Schumacher-Fans wegen des Namensschilds an seiner Kanzlei. „Ich sag ihnen immer, ich bin nicht der Richtige“, erzählte er mir im Auto, als gäbe es da ernsthaft Verwechslungsgefahr, „aber das ist ihnen egal.“

Und es war ja wirklich, trotz allem, nicht ganz auszuschließen. Vielleicht verschwand er wirklich nicht in seinem mysteriösen Erwachsenenbüro, wenn ich ihn mal wieder zwei Wochen nicht sah, vielleicht musste er wirklich dringend nach Melbourne oder Suzuka und dort um den nächsten großen Preis fahren. So stellte ich mir das als Kind gern vor, meine kindliche Vorstellung setzte die beiden Michael Schumachers in meinem Leben zu einer Person zusammen wie eine Superheldenfigur. Und mein Vater hatte ja absolut recht, wenn er bloß halb scherzhaft behauptete, jemand zu sein, dessen Namen jeder kannte.

Über solche dad jokes habe ich später als Teenager die Augen gerollt und ihn ausgelacht für sein peinliches Fanboytum. Insgeheim dachte ich den Satz trotzdem noch gern: Ich war der Sohn von Michael Schumacher.

In der Doku erzählten Schumachers Wegbegleiter und Konkurrenten von seinem Aufstieg, und beim Zuschauen wurde es mir etwas klarer, wieso ich die beiden so leicht vermischen konnte, trotz der offensichtlichen Unterschiede; mein Vater gehört nicht einmal zur selben Generation wie der elf Jahre jüngere, 1969 geborene Schumacher. Doch wie mein Vater hat auch der Rekordweltmeister den Kleinbürger nie rausbekommen, wollte er auch nicht. Wie mein Vater ging er bloß „zu seinem“ Edelitaliener, um dann Spaghetti Aglio e Olio zu essen.

Die gleiche Mischung aus Lyonerbrot-Herkunft und Aufsteiger-Lifestyle: die Wildlederjacken, Uhren und anderen sympathisch-prolligen Accessoires, die man sich als Sohn von Kartbahnbetreibern unter Glamour vorstellt. Wobei es bei meinem Vater der Glamour of Pforzheim blieb und der Wahlschweizer Schumacher bald in seiner Villa in Vufflens-le-Château lebte. Aber trotz der steuerfreien Millionen und der italienischen Designerjeans wirkt der Weltstar Schumacher in der ganzen Doku nie glücklicher, als wenn er im Hobbykeller eckige Tanzbewegungen machen darf und „My Way“ grölt.

Aufwachen im Eigenheim, einschlafen in Monte-Carlo, dazwischen für Geld viel zu schnell Auto fahren: der Traum aller Außendienstler. Und deshalb ist es auch kein Widerspruch, dass die globale Marke Michael Schumacher ein paar Jahre lang zum ultimativen Durchschnittssymbol wurde und sich in Vorgärten und auf Carports einrammte: Provinz war, wo eine Ferrari-Fahne weht. Schämen musste man sich trotzdem nicht zu sehr für Deutschlands Botschafter in der Welt. Dieser junge deutsche Mann triumphierte im Ausland bloß in einer Rennmaschine, und fast immer blieb er dabei höflich-bodenständig in seiner italienischen Uniform.

Serien und Filme sieht man immer auch, um sich in den Personen auf dem Bildschirm zu spiegeln. In diesem Spezialfall war überdeutlich, wen Corinna Schumacher auch meinte, wenn sie ihren Ehemann einen „Meister im Ausblenden“ nannte. Für mich war ganz klar, über welchen Verlust ihr Sohn Mick sprach, wenn er beschrieb, was ihm an seinem Vater am meisten fehlte: das, was hätte sein können. Dass er und sein Vater heute eine gemeinsame Sprache hätten. Wenn die beiden über ihren Michael Schumacher redeten, redeten sie immer auch über meinen.

Als dann die „Schumacher“-Doku nach den Rennjahren mit all den Siegen und Crashs, bei denen er als strahlender Erster immer davonkam, in den letzten Doku-Minuten unvermeidlich auf den schweren Skiunfall zusteuerte, da führten mich die Erinnerungen seiner Familie auch wieder ein bisschen zurück zu diesem Fernsehabend, an dem der Name Michael Schumacher überraschend, nach Jahren der Stille, wieder aus dem Mund des Tagesschau-Sprechers kam.
An dem Abend im Dezember 2013, als Schumacher gestürzt war, saß ich im blauen Schein der Sondersendungen und sah die endlosen Wiederholungen der Luftaufnahmen des Skigebiets. Hinter der nächtlichen Fassade des Krankenhauses, im Rücken der nichtssagenden Live-Reporter, stellte ich mir seine Familie vor, stellte mir vor, wie seine Frau und seine zwei Kinder in dem Moment bei ihm am Bett oder im leergeweinten Krankenhausflur saßen, so, wie wir drei, meine Mutter, meine Schwester und ich, ein paar Jahre zuvor an einem ähnlichen Bett gesessen hatten, in der Nacht, als mein Vater in einem Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben war. Ich saß da und konnte den Fernseher nicht ausschalten, weil ich nicht fasste, dass mir das immer noch einen Stich gab, bloß wegen dieser dummen, zufälligen Namensparallele, fasste nicht, dass das ausgerechnet IHM passieren konnte.

Dabei hätte ich es ja wissen müssen. Nicht einmal Michael Schumacher war unverwundbar.